Wie die Taube im Sturm

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Am Himmel schieben sich graue Wolkenberge dicht an dicht übers Land. Kein heiteres Blau zusehen, nicht einmal ein klitzekleiner Spalt lässt Licht durch. Der Wind pustet energisch, fast wütend durch die leeren Baumkronen und pfeift seinen ganz eigenen Song. Regen prasselt aufs Fenster und scheint gleichmäßig dem Wind-Konzert zu applaudieren. Und dann sitzen da diese zwei Tauben im Baum. Ganz ruhig und geduldig, ganz so, als wüssten sie genau was zu tun wäre. Der Regen perlt auf ihrem Federkleid ab, der Wind scheint ihnen die Stirn zu bieten. Doch sie sitzen da, surfen auf dem Ast durch jede Windböe und scheinen sich nicht durch das ungemütliche Wetter beeindrucken zu lassen. Ich jedoch bin sehr beeindruckt, welch’ wichtige Botschaft mir die Natur hier verbildlicht. 

Diese zwei gewöhnlichen, cleveren Tauben machten durch ihren natürlichen Instinkt schon sehr viel richtig. Ohne dass sie es wussten, haben sie mir vor Augen geführt, wie hilfreich es sein kann, in stürmischen Zeiten auch zu rasten und Energie zu sparen. Auf dem Ast hatten sie einen guten Halt, ließen dank ihrer Balance den Wind an sich vorbeiziehen und auch den dicken Regentropfen versuchten sie nicht hektisch zu entkommen. Ihre Verbindung zur Natur, ihr Instinkt und vielleicht auch ihre Erfahrungen sorgten dafür, dass sie den Sturm abwarteten und sich in milderen Phasen wieder fortbewegten. Ob ihnen wohl klar war, dass kein Sturm für immer wüten würde? 

Wenn dir das Leben also gerade volle Lotte ins Gesicht pustet, lass dich nicht unterkriegen! Wenn deine Pläne über den Haufen geworfen werden, gib nicht auf! Wenn dein Weg von grauen Regenwolken begleitet wird, hör nicht auf nach vorn zu gehen! Schnapp dir lieber einen Regenschirm, die bunten Gummistiefel und geh weiter! Sei da, sei du, sei wie die Taube im Sturm.

Du gehst im Regen und du fühlst den Regen, aber: Du bist nicht der Regen.

Matt Haig

Es gibt immer wieder einen Weg. Die Wolkenberge werden aufbrechen und helles, munteres Sonnenlicht zu dir durchlassen. Auf diese Lichtblicke kannst du vertrauen. Sie kommen, auch für dich. Nur wann, wo und wie dein Lichtblick aussehen wird, das bleibt ein Geheimnis der Natur. Und in den meisten Momenten braucht es deine Unterstützung. Wenn du dich gut um dich sorgst, dich auch in grauen Tagen aufrichtest und tief in dir stets an dich glaubst, öffnest du die Tore und das Licht kann dich finden. Und wenn du das Gefühl hast, eine Rast wäre jetzt passend für dich, dann nimm dir mal eine Auszeit. Mach es wie die Taube, finde deine Balance, sammle Energie und starte neu. Manchmal ist es eben nicht nachhaltig, gegen den Sturm anzugehen und die eigenen Kräfte zu überfordern. Das ist auch eine wichtige Notiz an mich selbst! 

Und Rast bedeutet nicht gleich Stillstand. In uns ist alles in Bewegung. Vielleicht entstehen in äußeren, stillen Momenten die bunten und lebhaften, frischen Ideen im Inneren. Und ist der Sturm abgeflacht, folgt die Umsetzung. Ein neuer Weg beginnt vor deinen Füßen. 

Anders als manches System, das wir entwicklen und programmieren, bleibt das Leben nicht gänzlich planbar. Es hat seine ganz eigene Melodie, seinen ganz eigenen Plan. Wenn wir es schaffen, uns mehr dem hinzugeben, was als Erfahrung auf uns wartet, hinhören, fühlen und zulassen, das Hier & Jetzt als Chance begreifen und nicht als Bürde, dann können wir Teil dieser unbekannten Melodie werden und leichter in die Harmonie mit ihr finden. Vielleicht dürfen wir erkennen, dass sie seid Beginn in unserem Tempo spielt – ja für uns ist. 

Wenn du das nächste Mal eine Gelegenheit hast, eine Taube im Sturm zu beobachten, denkst du vielleicht an diesen Text. Ich wünsche mir, dass deine Beobachtung dir Hoffnung schenken wird, denn auch stürmische Zeiten gehen vorüber und Lichtblicke werden dein Leben bereichern.

Sei da, sei du, sei wie die Taube im Sturm.